Skip to content

Vom Reisen und Ankommen Teil 2

20. November 2009

Wenn einer eine Reise tut, sagt das Sprichwort, dann kann er was erleben. So ging’s mir heute, wobei die Vergangenheitsform da an sich unangemessen ist, denn noch ist das Erlebnis nicht ausgestanden.

Erstmal zur Vorgeschichte: Tim, der Freund, bei dem ich die letzten paar Tage gewohnt habe, hat mir ein Auto geliehen. Einen alten Alfa 33 mit etwa 220000 km auf der Uhr. Allerdings geht der Tacho zumindest momentan nicht bzw nur sehr langsam und nachdem ich heute von Hastings nach Gisborne gefahren bin zeigt er nur ca. 60km an. Erstaunlich, daß ich für diese Strecke knapp vier Stunden gebraucht haben soll.

Das Auto ist an sich schon spannend. Es kommt immer mal vor, vor allem, wenn er kalt ist, daß der Motor spontan ausgeht. Besonders gerne, wenn ich gerade vor hatte, rechts abzubiegen und zügig den ungewohnten Verkehr von rechts zu kreuzen gedachte.

Aus.

Stille.

Schnell wieder anlassen und weiterfahren. Dazu kommt, daß die Alfa Götter offenbar die Schaltgassen (also die Ebenen, in denen der Schaltknüppel bewegt werden kann) ausergonomischen Gründen etwas schräg angelegt haben. Der zweite Gang liegt leicht links hinter dem ersten, der dritte wieder rechts, der vierte wieder etwas links u.s.w. Sehr sinnvoll, wenn der Fahrer links sitzt, denn das dürften etwa die normalen Bewegungsebenen der Hand sein. Tut er aber in Neuseeland nicht. Da sitzt er rechts. Da sind dann die Schaltgassen völlig verkehrt, so daß an erstaunlich häufig aus dem ersten gleich im vierten landed (zur Erinnerung: leicht rechts hinter dem ersten, denn links dahinter ist ja der zweite). Offenbar scheint die Ergonomie im Alfa bei Linksverkehr den vierten Gang deutlich zu bevorzugen. Wie dem auch sei, der Erfolg ist: kaum glücklich angefahren lande ich überraschend oft im vierten Gang und zuckle langsam davon.

Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und nachdem ich heute zwei Stunden durch Napier gelaufen bin (zur Tatsache, daß aus unerfindlichen Gründen in Neuseeland offenbar ein übermäßiger Prozentsatz netter Menschen lebt später mehr) mache ich mich also auf den Weg. Tagesziel: Gisbourne, am südlichen Ende des East Cape, das ich morgen zu umrunden gedenke. Schon nach wenigen Landstraßenkilometern erscheint mir die linke Fahrspur völlig normal und es bedarf keiner besonderen Überwindung oder Aufmerksamkeit mehr, dort zu bleiben. Ich fahre erst an der Küste entlang und dann in die Berge, schöne Serpentinenstraßen, der Alfa.. na ja, er schnurrt wäre der falsche Begriff, er brüllt eigentlich mehr.  Aber er fühlt sich sichtlich wohl und ich komme gut voran.  Dann komme ich an eine Stelle, die Tim schon angekündigt hatte: das größte Eisenbahnviadukt zumindest der Nordinsel. Eine mutige Stahlkonstruktion über eine schroffe, tiefe Schlucht. Ich halte an, schieße ein paar Fotos und als ich weiterfahren will, sagt mein Alfa… nichts. Kein Brüllen, kein Schnurren, nicht einmal mehr ein zaghaftes Miauen. Nur noch ein erbärmliches „klick“.

Tja, denk ich mir, Anlasser kaputt. Vermutlich das Relais. Zum Glück war die Straße an dieser Stelle deutlich abschüssig, also lass ich meinen Alfa rollen, dritter Gang, Kupplung, und … da war das Brüllen wieder! Schön!

Leider wollten aber drei Kontrollleuchten nicht mehr ausgehen. Wassertemperatur, Sprit und die Bremsen. Sprit war genug da, das Wasserthermometer stand auf 40°, nur die Bremsen machten mir Sorgen, wo’s doch hier deutlich bergauf und bergab geht. Also nochmal stehen bleiben und die Elektronik zurücksetzen. Motor aus,  Schlüssel drehen… klick.

Hmm… ärgerlich. Diesmal stand ich leicht bergauf, also anlassen im Rückwärtsgang (braucht etwas mehr Schwung). Aber dann lief er, und ich wusste: wir haben ein Problem. So konnte ich keinen Abstecher nach Oraka Beach machen, denn ich konnte mir nicht sicher sein, daß es dort einen Anlasserersatz in Bergform geben würde.

Vorher kam so oder so erstmal Wairoa, wo ich eine Werkstatt suchte und fand. Schnell war klar: nicht der Anlasser, die Batterie hatte mich verlassen. Also fremdgestartet und rüber zum Autoelektriker, denn für sowas fühlt sich der Mechaniker nicht berufen.

Offenbar hat die Lichtmaschine den Geist aufgegeben und ich bin zwei Tage lang mit Strom aus der Batterie gefahren, der jetzt eben alle war. Da half dann auch kein Fahren mehr,  denn es wurde nicht mehr nachgeladen. Ende.Aus.

Die Lichtmaschine wechseln? Hier? in Wairoa? Unmöglich vor Montag! Und mal unter uns: Wairoa ist kein Ort, an dem ich drei tage meines NZ Urlaubs verbringen möchte.

Also schnelle Entscheidung: ich kaufe eine neue, volle Batterie. Dann komm ich wenigstens weiter. Gesagt getan, und so brüllte mein Alfa dann die letzten 100km bis nach Gisborne. Da ich jetzt sowieso keine große Lust mehr auf Sightseeing hatte und auch die Stops bzw. die Startvorgänge minimieren wollte, gab ich ihm die Sporen. Garnicht schlecht das alte Haus, garnicht schlecht. Schöne Straße auch. Ich wünschte allerdings, ich hätte langsamer, gemütlicher reisen können. Na ja.

Tim hatte inzwischen einen befreundeten Fotografen hier in Gisborne angerufen, der mir sofort sämtliche erdenkliche Hilfe anbot. Ich dürfe in seinem Hause übernachten, seinen Rechner benutzen, er würde mich mit allem möglichen unterstützen, nur heute Abend musste er schnell weg, wir würden uns morgen treffen (hab ich schon gesagt, daß die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Neuseeländer enorm ist?). Ich wollte mich nicht bei ihm einquartieren und habe mir ein Motel genommen. Der Betreiber, ein Südafrikaner mit deutschem Vater, hat sich meine Story angehört und meinte „ich ruf mal ein paar Kumpels an“.

Langer Rede kurzer Sinn: morgen früh um acht hab ich einen Termin bei einem Mechaniker, der sich die Sache ansieht. Mit etwas Glück finden wir auch passende Teile.

Wenn einer eine Reise tut 🙂

pj

PS: ich glaube, morgen kann ich noch ne Geschichte über Nr. 8 wire schreiben 😉

Advertisements
5 Kommentare leave one →
  1. tina permalink
    20. November 2009 08:17

    das war schön, danke 🙂

    und nein, in Wairo. will man keine 3 Tage verbringen… 😉

  2. pjakobs permalink*
    20. November 2009 08:23

    hey, danke Tina, heut morgen hab ich mir noch gedacht „seltsam, daß ich von meinen beiden Neuseeland Sonnenscheinen garnix höre“ 🙂

  3. 20. November 2009 10:05

    Hihi – ich musste gerade einige Male schmunzeln. Danke.

  4. Parsifal permalink
    21. November 2009 06:46

    naja mein Brüderchen du und Autos waren das nicht schon immer Welten
    wir wünschen dir noch viel spaß und melde dich mal

  5. Yewa permalink
    21. November 2009 17:55

    Tja, ein Alfa ist ein Alfa ist ein Alfa… 🙂

    Schön zu lesen! Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: