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Wie man einen Tag beginnt.

2. Dezember 2009


‚Alles ist relativ‘ umschreiben wir ja gerne Einsteins Entdeckung der allgemeinen Relativität. Man muß allerdings kein theoretischer Physiker sein, um zu erkennen, daß man Dinge von ganz verschiedenen Standpunkten aus betrachten kann.
Als ich vorgestern nach Wellington kam, regnete es und es war kalt.
Nach dem wundervollen, lauen Sommerabend am Tag zuvor mit Tim, Silke und Gernot, an dem wir bis Mitternacht in Shorts auf der Terrasse saßen, war das eine ziemliche Enttäuschung. Aber gut, Wellington liegt nun mal deutlich weiter südlich und schon westlich des Gebirges, daß das Klima rauer sein würde, war also zu erwarten. Nicht umsonst heißt die Stadt auch „windy Welly“. Mein Hotelzimmer tat dann das seine, um im wahrsten Sinne des Wortes die Aussicht nicht zu verbessern: So ’ne Art gefühltes Sousparterre, das Fenster sehr hoch im Raum, blickt auf einen engen Innenhof, der Boden desselben schwarze Teerpappe und ziemlich direkt neben dem Fenster endet eine Regenrinne auf diese Teerpappe.
An diesem Morgen regnete es. Vor dem Fenster plätscherte das Wasser. Nicht fröhlich, wie ein Bach im Wald, sondern eben so wie Wasser aus einer Regenrinne plätschert.
Hart, kalt und grau.
RegenDas alles war wenig geeignet, mich dazu zu motivieren, nach draußen zu gehen. Irgendwann musste es aber dann doch sein, denn 1. komme ich nicht alle Tage nach Wellington und 2. bin ich ja nicht aus Zucker. Also erstmal warm anziehen. T-Shirt, Sweater, Jacke, Regenjacke. Hey! Nicht lachen! Von drinnen kam es mir so vor, als müsste ich mich auf eine Expedition in völlig unwirtliche Gebiete vorbereiten.
Ich trete vor die Tür und – Erkenntnis Nummer 1: Die Menschen von Wellington kennen ihre Stadt! Die Bürgersteige der Cuba Street, in der mein Hotel praktischerweise ist, sind fast alle überdacht. Die Regenjacke war zuviel, obwohl es wirklich mächtig regnete.
Ich kämpfte mich also über den völlig trockenen und weitgehend windstillen Bürgersteig drei Häuser weiter, zu  einem netten italienischen Café. Da kann ich unmöglich vorbeigehen. Also rein und nach der Frühstückskarte gefragt.
Während ich dann da mit meiner Frittata saß und durch die offene Tür vor meinem Tisch nach draußen blickte, sprach mich die Kellnerin an. Wie so oft entwickelte sich ein Gespräch über das, was uns alle bewegt: das Wetter.
Ich meinte: „Eine Schande, daß das Wetter so schlecht ist“ worauf sie antwortete: „Aber es ist doch prima, immerhin kommt der Regen mal von oben und nicht von der Seite! Da sieht man wenigstens mal Menschen mit Schirmen, die sind hier sonst nämlich völlig nutzlos, weil sie einfach weggeweht werden“.
Wir unterhielten uns ein paar Minuten, in denen sie begeistert von ihrem Wellington erzählte. Der Stadt mit den wunderbaren Blicken zum Meer von überall her, von den tollen Cafés, Bars, Restaurants, Theatern und davon, daß hier ein lebendiges kulturelles Umfeld geboten ist. Niemand zieht nach Wellington wegen des Wetters, sagte sie, aber die Stadt hat so viel anderes zu bieten und deshalb wolle sie nirgendwo anders leben.
Als ich dann wieder alleine an meinem Tisch saß, klang aus dem Lautsprecher erst leise, kaum zu erkennen, die „Garota de Ipanema“ und mein gewohntes „Ich würde mein Leben mit niemandem tauschen wollen“-Gefühl kam zurück. Der Tag musste, ja konnte nur gut werden. Und er wurde. Sogar der Regen ließ nach und am Abend gab die Sonne noch ein farbenfrohes Gastspiel. Ich bin überzeugt, sie tat das extra für mich.
Während ich das hier schreibe, sitze ich wieder in dem gleichen Café, am selben Tisch und schaue durch die gleiche offene Tür nach draußen. Heute kommt der Regen fast waagerecht von links, aber der Tag wird dennoch klasse werden, soviel weiß ich!

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2 Kommentare leave one →
  1. 2. Dezember 2009 06:59

    Hach, wie schön! Genau das richtige für heute morgen. Danke, Peter!

  2. 2. Dezember 2009 11:28

    Peter live. 🙂
    Vielen Dank für diesen heiteren Einblick in Dein alles andere als verregnetes Herz.

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